Veröffentlicht: Freitag, 01. Juli 2016 08:00

Wer das Perfekte will, wandert auf einem schmalen GratZielscheibe

Selten war es so anstrengend was zu schreiben wie diesen Artikel über Perfektion. Deswegen kommt er zwei Tage später als geplant, denn ich konnte mich nicht für einen roten Faden entscheiden. Das Thema hat meinen hohen Anspruch geweckt. ;)

Menschen, die das Perfekte suchen oder bieten wollen oder die sehr konkrete Vorstellungen haben, wie ihre Realität auszusehen hat, begegnen mir häufig und manchmal geht es mir selbst so.

Die perfekte Beziehung, der perfekte Urlaub, perfekte Leistungen auf der Uni, Perfektion in manchen Details oder ganz genaue Ideen davon, was zB eine gute Beziehung ausmacht usw. Oft sind die Ansprüche an sich selbst, an die anderen oder an die Realität hoch und die Vorstellung ist, dass es nur gut ist, wenn alles erfüllt wird bzw. wenn man alles erfüllt. Ich finde das aus mehreren Gründen hinterfragenswert.

Die "eierlegende Wollmilchsau" gibt es nicht

Die Idee, wie es sein sollte, ist oft sehr klar und damit ist das angestrebte Ziel auf eben diesem schmalen Grat gelegen, den ich in der Überschrift anspreche. Das heißt, dass ich die Möglichkeiten zu scheitern maximiere, wenn ich das Ziel sehr eng definiere, wenn ich zB einen konkreten Zustand erreichen will oder das Ziel "null Fehler" ist. Wenn die "perfekte Umsetzung" eines Projektes das Ziel ist, werden Stress und Unzufriedenheit treue Begleiter werden und wenn man es allzusehr übertreibt, dann vielleicht sogar auch ein "Burnout."

Rollenkonflikte

Wenn ich einer Erwerbsarbeit nachgehe, kann ich meinem Kind nicht täglich ein selbstgekochtes Mittagessen geben, sondern muss mich drauf verlassen, dass das Essen im Kindergarten gut genug ist. Wenn ich Kinder habe, werde ich zu einer bestimmten Uhrzeit die Arbeit spätestens verlassen müssen, um meiner Versorgungsverpflichtung nachzukommen usw. Irgendjemandem muss ich immer ein "nein" sagen, um mich nicht zu verlieren und aufzureiben. Ist das Nein-Sagen mit schlechtem Gewissen verbunden oder mit Existenzängsten? Wie real sind die Anforderungen in der Firma, was wollen KundInnen wirklich, wo ist es notwendig, spätabends noch was zu tun und wo kann man es sein lassen?

Die realen Bedingungen erforschen, sich selbst kennenlernen und was Neues ausprobieren

Die realen Bedingungen auszuloten und sich selbst kennenzulernen, das kann helfen. Wenn man schon hineingerutscht ist, und das Gefühl hat, dass man den Überblick und die Entscheidungsmacht verloren hat und verzweifelt, dann ist es an der Zeit, sich zu überlegen, ob man sich Hilfe sucht, um wieder zu leben, statt vom schlechten Gewissen, dem Leistungsdruck und den eigenen und fremden Ansprüchen angetrieben zu werden.