Veröffentlicht: Mittwoch, 18. November 2015 06:41

weihnachtsbaum blauWeihnachten: Viele Verpflichtungen oder entspannt feiern?

Heute möchte ich das Beispiel von Andrea bringen. (*Beispiele sind so angelegt, dass sie nicht mit realen Personen in Verbindung gebracht werden können.)

Das ist eine gute Gelegenheit das Thema "Rollen" anzusprechen, das im Psychodrama zentral ist. Wir spielen keine Rollen, in dem Sinne, dass wir uns verstellen. Aber wir nehmen unterschiedliche Rollen ein im Leben und gestalten sie spontan, so wie es uns entspricht. Je kreativer wird dabei sind umso besser. In unterschiedlichen Rollen können wir uns unterschiedlich fühlen und daran auch arbeiten. Es kann sein, dass wir uns in der Rolle der Tochter/des Sohnes unsicher und schwach fühlen und in der Rolle der Abteilungsleiterin sicher, ohne dass sich das widerspricht.

Kommen wir zurück zu Andrea, die heuer Weihnachten gerne ohne Stress hätte und nicht weiß, wie sie das hinkriegen soll.

 

Andrea und ihre Rollen

Andrea in der Rolle der Mutter: Als Mutter ist es ihr wichtig, dass ihre beiden Kinder (6 und 3 Jahre alt) ein fröhliches, kindgerechtes Fest erleben. Sie würde am Liebsten am Nachmittag des Heiligen Abends zum Krippenspiel mit ihnen gehen und um 17.00 die Bescherung machen. Danach können die Kinder noch spielen und nicht allzu spät schlafen gehen. Gerade der 3jährige hält es abends nicht lange aus und ist am nächsten Tag noch überdreht, wenn er zu lange aufbleibt.

Andrea als Tochter: Ihre Eltern wohnen im gleichen Ort wie sie und würden sie am heiligen Abend gerne sehen. Andrea fühlt sich verpflichtet und besucht ihre Eltern zusammen mit den Kindern in aller Regel am Vormittag des Heiligen Abends. Am ersten Weihnachtsfeiertag kommt auch ihr Mann Clemens mit zu Andreas Eltern und es gibt Ente mit Blaukraut und Geschenke.

Andrea als Schwiegertochter: Andreas Schwiegermutter ist nicht ganz zufrieden mit ihr, weil sie nicht versteht, dass Andrea mit zwei Kindern und nur einem Halbtagsjob so viel Stress hat. Und außerdem waren ihre drei Kinder nie so kompliziert wie Andreas Dreijähriger. Die Schwiegermutter hat ein Auge drauf,  dass sie mit den Enkelkindern einen so guten Kontakt hat wie die anderen Großeltern. Andrea rechtfertigt sich  gegenüber ihrer Schwiegermutter und fühlt sich schlecht und etwas schuldig. Sie möchte es ihrer Schwiegermutter recht machen und akzeptiert werden, so wie die anderen Schwiegerkinder auch.

Andrea als Ehefrau: Andrea glaubt, dass Clemens den Heiligen Abend gerne zusammen mit seinen Geschwistern bei den Eltern verbringt. Andrea hat sich noch nie getraut das Thema "Wie feiern wir Weihnachten?" anzusprechen.

Andrea als Angestellte: Sie braucht die zwei Wochen Weihnachtsurlaub dringend um sich zu erholen. Der letzte Urlaub war im August, wo sie die Kindergartenferien abdecken musste, während Clemens auf Geschäftsreise war.

 

Die Weihnachtsfeiertage in den letzten Jahren

Der bisherige Plan, den Andrea als zu stressig empfindet: Kekse

Heiliger Abend: Andrea besucht am Vormittag zusammen mit den Kindern ihre Eltern. Am Nachmittag fährt Andrea mit Clemens und den Kindern 35 km zu den Schwiegereltern, wo auch Clemens Schwester mit ihrer Familie Weihnachten feiert. Um 17.00 gehen alle zusammen in die Kirche. Danach gibt es Essen und um 19.30 die Bescherung. 

25.12. Andrea, Clemens und die Kinder essen bei Andreas Eltern zu Mittag.

26.12. Traditionelle Familienfeier bei Clemens Eltern. Es kommen auch Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen von Clemens. Beginn ist 10.30 mit einem Brunch. Die Feier dauert bis zum frühen Abend.

27. und 28.12. Clemens geht Eisstockschießen, Andrea ist mit den Kindern allein daheim.

29.12. Geburtstag von Andreas Vater. Sie bringt traditionell die Torte.

Silvester: Andrea und Clemens sind heuer dran die Schwiegereltern einzuladen.

 

Andrea findet einen Lösungsvorschlag, den sie Clemens unterbreiten wird

Andrea, die schon einige Monate in Therapie ist, traut sich das bisherige Vorgehen in Frage zu stellen. Sie möchte gerne eine stressfeiere Lösung finden, möchte natürlich aber auch niemandem weh tun. Außerdem rechnet sie mit Widerstand von der Schwiegermutter, die Andrea ohnehin für "schwach" hält. 

Wir probieren in der Stunde das Gespräch mit Clemens aus und daraus ergibt sich für Andrea folgender Vorschlag, den sie Clemens zu Hause unterbreiten wird. Da es eine Einzeltherapie ist, spielt Andrea sowohl ihre Rolle als auch die von Clemens selber. Andrea spürt, dass Clemens Verständnis haben wird und es ihm eigentlich auch zu viel ist.

Andrea fühlt sich sicher und hat vor sich mögliche abwertende Bemerkungen der Schwiegermutter nicht zu Herzen zu nehmen.

Zum Vorschlag:

- 24.12. Andrea möchte mit den Kindern Weihnachten daheim feiern. Sie möchte ihre Eltern gerne wählen lassen, ob sie sie am  24. Dezember vormittags besuchen soll  oder ob die Eltern den Heiligen Abend mit Andrea, Clemens und den Kindern verbringen wollen. 

- 25. Dezember: Daheim. Die Kinder spielen in Ruhe mit ihren Spielsachen.

- 26. Dezember:  Besuch der großen Familienfeier bei den Schwiegereltern. Falls Clemens und die Sechsjährige länger bleiben möchten, fahren sie mit Clemens Bruder nach Hause. Andrea und der Kleine werden am frühen Nachmittag wieder aufbrechen.

- 27. und 28. Dezember. Clemens geht Eisstockschießen. Andrea wird sich was mit einer alleinerziehenden Freundin ausmachen, deren Kinder sich mit ihren Kindern gut verstehen.

- 29. Dezember: Wegen der Torte für den Geburtstag ihres Vaters fragt ihre Tante, die gerne backt und schon öfter angeboten hat, die Torte zu bringen.

- Silvester: Andreas weiß noch nicht, was sie gerne hätte.

- 1. Jännerwoche: Andrea fährt mit ihrer besten Freundin für einen Tag in eine Therme.

Andrea ist mit dem, was sie sich erarbeitet hat zufrieden und kann sich vorstellen nach den Weihnachtsferien erholt zu sein. Sie geht nach Hause, um mit Clemens über ihre Vorstellungen zu sprechen.

 

Was können Sie tun, damit Ihr Weihnachten auch für Sie stressfreier wird?

- Sie können den Mut aufbringen sich einzugestehen, dass Weihnachten zu stressig ist und das Gespräch mit ihrem Partner/Ihrer Partnerin suchen.

- Sie können "bei sich bleiben". Es ist nicht wichtig, ob andere ein größeres Pensum schaffen, mehr Leute besuchen können oder wollen. Wichtig ist zu spüren was Sie möchten, damit Sie das auch vertreten können, wenn es darum geht etwas auszuhandeln.

- Sie können, zunächst nur für sich selbst, formulieren, wen Sie gerne sehen MÖCHTEN.

- Wenn es Ihnen wichtig ist, können Sie Formen der Gerechtigkeit suchen, sodass Sie, so wie Andrea, jede Familie ein Mal sehen, in der Weihnachtszeit.

- Sie können die Weihnachtszeit ausdehnen. In größeren Familien könnten Sie zB die Verwandtschaft am 4. Advent treffen, andere zu den Weihnachtsfeiertagen und wieder andere im neuen Jahr. Es ent-stresst, wenn man nicht in wenigen Tagen alle sehen muss.

- Sie können sich mit anderen Menschen austauschen, wie diese Weihnachten organisieren und sich Ideen holen.

- Wenn Sie einsam sind, können Sie mit FreundInnen oder Verwandten darüber reden und schauen, was sich ergibt. Sie können außerdem wo helfen, wo Ihre Hilfe gebraucht wird oder auf eine Veranstaltung gehen, wo einsame Menschen Weihnachten feiern. Oder auf Urlaub fahren. Gerade wenn man keine Familie hat oder wenn es Streit gibt kann Weihnachten, mit der verordneten Glückseligkeit, fast grausam sein.

- Die anderen Beteiligten werden vermutlich nicht gleich "Juhu" rufen, wenn Sie Änderungsvorschläge machen. Manchmal ist es den anderen auch schon zu viel und sie sind froh. Und manchmal fühlen sie sich gekränkt oder wollen ihre Gewohnheiten nicht aufgeben.

 

Ich wünsche Ihnen einen einen schönen  Advent mit vielen Möglichkeiten Ihre Zeit zu gestalten! banner weihnachten