Veröffentlicht: Montag, 05. Juni 2017 15:28

Gegen den Alltag in Beziehungen: Werden Sie einander wieder "fremd" Zwiegespraech

In Beziehungen kehrt häufig eine Art von Alltag ein, der nicht angenehm-vertraut ist, sondern so eingespielt, dass man einander gar nicht mehr wahrnimmt. Es entsteht eine Art von vermeintlicher Nähe, die in Wirklichkeit ein "Gewohnheitsraum" ist. 

Das ist überhaupt kein Wunder, denn die meisten von uns haben sehr viel zu tun, Kinder, so sie vorhanden sind, fordern viel. Da kann es schon passieren, dass man nebeneinander herlebt und mehr mit dem lebt, was man vom anderen denkt, als mit diesem anderen selbst. Weiß man eh schon, was er/sie zu diesem und jenem meint, da braucht man gar nicht mehr zuzuhören... ;) 

Wenn Sie das Gefühl haben, dass es bei Ihnen so ist, wäre es einen Versuch wert, einander wieder etwas "fremder" zu werden. Es gibt ein spannendes Phänomen, das manche Menschen kennen: Dass der Partner/die Partnerin für manche wieder interessanter wird, wenn man miteinander ausgeht, und man ihn/sie im Austausch mit anderen erlebt. Weil man ihn/sie dadurch wieder mit anderen Augen sehen kann und eben nicht mit den Alltagsaugen deren Scheuklappen schon riesig sind.

Kultivieren Sie diese "anderen Augen"

Überlegen Sie sich, was es für SIE sein könnte, das diese anderen Augen wieder erweckt. In welchem anderen Kontext möchten Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin neu erleben? Ein Anknüpfungspunkt kann sein, was Ihnen früher wichtig war, was Sie gern miteinander gemacht haben. Sie haben sich über die Jahre verändert. Vielleicht ist es noch was Ähnliches wie damals, vielleicht müssen Sie es modifizieren. 

Falls es Ihnen um Austausch geht, falls Sie wieder einmal erfahren wollen, was der andere wirklich denkt, was er fühlt, was ihm wichtig ist und was weniger, was sich verändert hat und was nicht, dann empfehle ich Ihnen das Zwiegespräch nach Michael Lukas Möller. Genaue Anleitungen finden Sie im Internet oder auch im Buch "Die Wahrheit beginnt zu zweit" von Möller.

Das Zwiegespräch

Im Grunde ist das Zwiegespräch ziemlich einfach. Sie nehmen sich regelmäßig, am besten wöchentlich, ungefähr eine Stunde lang Zeit, die Sie in Einheiten von 6x10 Minuten teilen.

Jeder von Ihnen bekommt 3x10 Minuten, in denen er/sie erzählt, was ihn/sie bewegt. Der andere hört zu, mit wachem Interesse und versucht nicht zu bewerten. Das heißt, es handelt sich eigentlich nicht um ein Gespräch, sondern um einen abwechselnden Monolog. Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie dazwischen schweigen. Mit der Zeit werden die 10 Minuten "kürzer". Kommentieren und antworten, während der eine noch spricht, ist nicht erlaubt. Sie nehmen einfach nur wahr, Ihr Gegenüber und sich selbst.

Ihr Partner/Ihre Partnerin kann in der nächsten Sequenz auf das eingehen, was Sie gesagt haben, er/sie muss aber nicht. Halten Sie den Rahmen ein, Sie müssen sich darauf verlassen können, dass es wirklich 6x10 Minuten sind, die Regeln wirklich gelten, sonst können Sie sich nicht so gut öffnen. Setzen Sie sich in aller Ruhe gegenüber. Das kann auch in der Natur sein, aber Sie müssen ungestört sein. Und wenn Sie einander (noch) nicht in die Augen schauen können, dann nehmen Sie es einfach wahr. Stressen Sie sich nicht, es ist nicht einfach, einander wieder näher zu kommen. 

Die Kinder müssen in dieser Zeit betreut werden, denn sonst können Sie sich nicht auf das Zwiegespräch konzentrieren. Meiner persönlichen Erfahrung spürt sich die erste Runde anders an als die Dritte. Die Gedanken, die zunächst durchs Gehirn gefegt sind, sind nun ruhiger, man kommt viel mehr zu sich. Es macht also Sinn, wirklich 6 Einheiten zu je 10 Minuten zu machen. Und es macht gar nichts, wenn sie schweigen. Oder wenn sie sich gerade unwohl fühlen. Dann sagen sie das einfach oder schweigen Sie, bis wieder was aus Ihnen kommt. 

Spüren Sie hin, was Sie sagen möchten, wie offen Sie sein möchten und können, wo es Grenzen gibt, ob sich diese Grenzen mit der Zeit verändern. Zwiegespräche sind keine einmalige Angelegenheit. Das ist ein Prozess, für den Sie sich entscheiden und der sehr interessant werden kann.

Das Zwiegespräch können Sie in vielen Bereichen anwenden. Auf jeden Fall lässt sich damit wieder wahrnehmen, wer der andere ist, was er meint und was nicht. Und man kann damit auch wahrnehmen, was man selber spürt und denkt. Denn man hört sich ja selber auch zu.. 

Viel Spaß! :)